Wir besiegen es
mit unserer Liebe... (Artikel
in der Brester Tageszeitung am 02.06.2001
Bis zu dem Vorfall, daß der Sohn Kolja im eigenen
Hof zusammengeschlagen wurde, konnte Ljudmila St. keine Vorstellung haben, daß
wir so viele behinderte Kinder haben. Den Jungen hatten sie so zugerichtet, daß nicht von Behinderung die
Rede war – sondern vom Überleben. Die Ärzte haben alles Mögliche getane. Die
Mutter wich nicht vom Bett des Sohnes. Lieber Gott, daß er bloß überlebt. Man
sagt, der Allmächtige hilft, wenn wir beten. Kolja hat überlebt, aber seine
Aussichten sind schlecht. Er war ans Bett gefesselt. Der Beckenknochen war
völlig zerstört und ins Haus kam ein Behinderten-Rollstuhl. Grenzenlose
Mutterliebe kann vieles bewirken. Aber mit dem Schmerz des eigenen Kindes
umzugehen, fehlte ihr die Kraft. Sie hat sich nicht damit abgefunden, sondern
alles versucht. Im orthopädisch-traumatologischen Zentrum der Republik wurde
ihr Hoffnung gegeben. Kolja wird wieder laufen können. Und der Arzt, der die Worte
gesprochen hatte, der Chirurg Wladimir Aleksandrowitsch Krytschok war der
rettende Engel. Dreieinhalb Monate Krankenhausaufenthalt mußten überstanden
werden. Ludmilla, von Beruf Künstlerin, hat angefangen, am Bett des Sohnes mit
Bast einen kleinen Behang zu flechten, Stroh- und Holzarbeiten. Der Junge
schaute zu und sagte schließlich: Mama, gib her, ich werde dir helfen. Zu zweit
haben sie einen großen farbenfrohen Wandbehang geflochten und der
Krankenstation geschenkt. Und der Arzt hat sein Wort gehalten und den Jungen
wieder auf die Beine gestellt. Das Leben der Behinderten ist hart, besonders,
wenn es um ein Kind geht. Unter solchen Schwierigkeiten ist nichts einfach.
Vieles ist unzugänglich, behinderte Kinder sind deshalb oft eigenartig.
Den
Zirkel Zauberer hat Ludmila deshalb für solche Jungen und Mädchen vor 3 Jahren
ins Leben gerufen. Er umfaßt 15 Kinder mit unterschiedlichen Erkrankungen, z.
B. Herzerkrankungen, Augenleiden, orthopädische und psychische Erkrankungen.
Zum Beispiel Aljoscha hat mit seinen 10 Jahren schon sechs Operationen
überstanden, Kolja zwei, die Zwillinge Tanja und Lena sind schon 28 Jahre alt,
aber ihre Entwicklung ist bei 7 Jahren stehengeblieben.
Dreimal in der Woche kommen sie im Haus der
Veteranen zusammen, wo der Zirkel Zauberer auf einer Etage 2 bis 2 ½ Stunden
durchgeführt wird. Alles hängt von der Laune abe. Jeder macht, wozu er Lust
hat, was ihm am besten gelingt: Strohpuppen, Vögel, Pferde, Stoffpuppen, Bast-
und Stroharbeiten, Malen. Die Welt ist nicht ohne gute Menschen, die immer
wieder helfen. Manche lieferten ausrangierte Tische, manche Betriebe gaben
alternativ etwas Geld. Die Möbel- und Souvenirfabrik hat Materialabfälle
geliefert. Völlig brauchbar für die Phantasie der Kinder. Die für die Jugend
zuständige Abteilung hat den Zirkel Zauberer eingeladen, im Eisstadion ein
Zirkusprogramm zu erleben. Augenblicklich hat der Zirkel Zauberer große
Hoffnungen, daß der Bezirksverband der Behinderten seine Unterstützung wahr
macht. Seine erste Ausstellung eigener Arbeiten wurde zum Tag der Stadt
gezeigt. Auch andere haben ausgestellt. Eine Jury prämierte die besten Arbeiten
wie auch die Besucher. Fast alle wurden ausverkauft, die Exponate fanden großes
Interesse. Die restlichen Arbeiten wurden verschenkt. Anschließend wurde ein
großes Fest mit Torte gefeiert. Auch Miete und Stromrechnungen konnten mit dem
Geld bezahlt werden.
Es folgten mehrere solcher Ausstellungen, etwa zu
Ostern in der Kirche, zu Frauen- und Kindertag im Park. Immer war es für die
Kinder ein Fest, zumal die Stadtverwaltung kleine Geschenke verteilte. Große
Anerkennung haben sie zum Festival Belaweschtschije erhalten. Die Delegierten
aus Rußland, Weißrußland und der Ukraine waren begeistert von den Arbeiten der
behinderten Kinder. Sie erhielten ein Diplom und wurden eingeladen zu ähnlichen
Ausstellungen in Kiew und der Moskauer Gegend. Die Einladungen sind sehr
erfreulich und anerkennenswert, aber unerfüllbar, weil kein Geld dafür da ist.
Das Grundproblem ist das Geld. Die Bezahlung der Miete, der Lichtrechnung,
Einkauf von Bastelmaterialien für die Arbeiten und Nachlässigkeit der örtlichen
Organe ist sehr unerfreulich. Einmal kamen zu der Gruppe der Behinderten
„Chance“ Deutsche. Zufällig kamen sie in die 6. Etage, wo die Kinder sich
beschäftigen. Sie schauten sich alles an, erfuhren von den Schwierigkeiten und
boten ihre Hilfe an. Für den Anfang haben sie die Bastelarbeiten abgekauft. Für
den Erlös wurde neues Bastelmaterial eingekauft, um wieder die Miete zu
bezahlen etc.
In Deutschland lebt Frau Gruschwitz, die diese
Mission betreute. Ihre Helfer Manuela, Peter, Carola und Winfried haben ihr von
dem Zirkel Zauberer erzählt und haben Verkaufsausstellungen dieser Arbeiten
organisiert. Der Nachfolgekonvoi ihrer Vertreterin kam gut in Brest an. Die Deutschen
haben Bastelmaterial mitgebracht, Möbel, Nähmaschinen, Fahrräder, Süßigkeiten
und vieles mehr. Jedes Kind bekam ein Geschenk. Kleine Geschenke haben den
Kindern große Freude und Zuversicht geschenkt, daß sie gebraucht werden und
durch ihre Arbeiten etwas dazutun können, daß die Arbeiten im Westen gern
gesehen und gekauft werden.
Frau Christiane Gräßer wurde Bindeglied zwischen
Deutschland und Weißrußland, zwischen der Stadt Greiz und Brest, zwischen
deutschen Menschen und den Kindern des Zirkels Zauberer. Christiane sagte
heute: Ich habe 15 Kinder. Sie meint uns damit! Vielleicht ist es nicht sehr
patriotisch, aber wir nehmen diese Freundschaft und Hilfe mit großer
Dankbarkeit an, sagte die Leiterin des Zirkels. Wir können leichter überleben
und die Kinder haben gute Möglichkeiten erhalten, die eigene Phantasie zu
entfalten. Und sie ist fest überzeugt, behinderte Kinder können viel mehr als
gesunde. Nicht alle verstehen sie, manche denken, daß sie – wenn sie für ihre
Arbeit kein Geld bekommt, andere Vorzüge genießt. Sie verheimlicht nicht, daß
sie glücklich ist, die Kinderaugen zu sehen, die glücklich sind, mit eigener
Hände Arbeit etwas hergestellt zu haben und verwundert sich, daß es ihr
Verdienst ist, den Zirkel ins Leben gerufen zu haben. Ludmilla lebt nur von der
Rente ihres Sohnes und ihrer Rente und dem Gehalt des Mannes.
Olga Tscherenowa
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