Liebe Vertreter des Greizer Stadtrates, liebe Einwohner der
Stadt Greiz, liebe Helfer des Transportes!
Es schreibt Ihnen Olga
Konzewitsch aus dem Dorf Powit in Belarus. Ich erlaube mir, Ihnen ganz herzlich
zu den bevorstehenden Festtagen die besten Glückwünsche zu übermitteln. Ich
wünsche allen Familien vor allem Gesundheit, Liebe und Freude am Leben. Möge
mit dem Frühlingsbeginn und der Erneuerung der Natur auch Ihre Gesundheit sich
festigen und alles was Sie in Angriff nehmen gelingen und alle Ihre Träume in
Erfüllung gehen.
Ich wende mich an Sie mit
riesiger Dankbarkeit für Ihre Hilfe, dank derer ich neu begonnen habe zu leben.
Mit einfachen Worten kann man alle meine Gefühle und die Freude in meinem
Herzen nicht ausdrücken. Vor dem Studium, dass Sie mir ermöglichen, war mein
Leben ganz anders. Ich lebte nicht, ich existierte nur. Jeder Tag war gleich.
Die Leute um mich herum waren immer die selben. Zu mancher Zeit wollte ich gar
nicht aufwachen. Aber jetzt habe ich neue Freunde, mit denen ich studiere. Dieses
Zusammensein mit Gleichgesinnten, dass wir unsere Probleme im täglichen Leben
gemeinsam lösen, ist für mich unschätzbar wertvoll. Ungeduldig warte ich auf
die nächsten Seminare. Sie sind der bunteste Teil meines Lebens. Ich konnte ja
niemals eine Schule besuchen. Nur ab und zu kam ein Lehrer zu mir nach Hause. Ständig
musste ich eine Operation nach der anderen über mich ergehen lassen. Auch die
Genesung verbrauchte einen großen Teil meiner Zeit. Die Lehrer hatten alle
Mitleid mit mir und versuchten mir wenigstens das Nötigste beizubringen. Alle
meine Nachbarn fragten mich, wozu ich denn überhaupt lerne. Mein Schicksal sei
es doch, mein Leben im Rollstuhl zu verbringen. Beinahe war ich davon
überzeugt. Aber Gott hatte mit mir anderes vor. Er sandte Sie – meine Freunde
aus Greiz und Tante Swetlana (Swetlana Kolisnitschenko vom Verein „Kin der in
Not“ Brest, anm. d. Ü.). Sie wollten, dass ich ein anderes Leben beginne.
Seitdem ist mein Leben verändert, habe ich andere Wünsche und Gedanken. Sie
haben mir geholfen, an mich selbst zu glauben. Danke! Das Studium fällt mir
nicht leicht, aber ich gebe mir sehr viel Mühe und lerne viel zu Hause. Jeden
Tag plane ich genau. Zur Zeit bin ich in Brest bei Tante Swetlana. Die Lehrer
und meine Freunde unterstützen mich im Studienalltag. Meine Freundin Olga kommt
jeden Tag zu mir, wir lernen zusammen und trinken Tee. Gestern konnte ich dank
der Hilfe meines Freundes Pawel Olga zu Hause besuchen und habe gesehen, wie
sie wohnt. Das war für mich ein großes Ereignis. Sie sehen, ich beginne endlich ein normales
Leben. Noch einmal Ihnen Danke für dieses neue und wertvolle Leben! In einer
Woche muss ich aber leider wieder nach Powit zurück, weil mein Vater zur Behandlung
ins Krankenhaus muss. Ich verspreche Ihnen, dass ich allen meinen
Studienverpflichtungen nachkomme. Heimlich träume ich noch von einer
Knieoperation. Die Ärzte machen mir Hoffnung, dass ich dann das Knie beugen
kann. (Anm. Das notwendige Geld wird vor Ort gesammelt.). Ich freue mich, dass
mein Bruder in Brest bei einer Fensterbaufirma Arbeit gefunden hat. Wenn ich
wieder zum Seminar nach Brest komme, werde ich Ihnen wieder schreiben und von
mir berichten. Ich danke Ihnen allen noch einmal für all die moralische und
materielle Unterstützung. Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien das Beste. Ich verspreche, egal wie schwer es mir fällt,
das Studium bis zum Ende abschließen.
In Dankbarkeit Ihre Olga Konzewitsch
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