Mutter von 148 Kindern

Es gibt Menschen, deren Namen zu Symbolen geworden sind, wegen ihrer Taten, Ideen und Prinzipien - zum Beispiele Mutter Theresa, Prinzessin Diana und andere. Aber für die krebskranken Kinder im Brester Bezirk ist der Name "Walentina" ein Symbol. Mit diesem Namen verbinden die Kinder Geschenke, Spielsachen, Süßigkeiten, seltene Früchte, lustige Momente, Lieder, Gedichte und jährliche Picknicks.

Seit 12 Jahren ist die Lehrerin für russische Sprache aus der thüringischen Stadt Greiz eine treue Freundin der Brester Organisation „Kinder in Not“. Zur Zeit sorgt sich die Organisation um 148 Kinder. Das erschreckende daran ist, dass die Zahl der krebskranken Kinder seit dem Vorfall in Tschernobyl im Jahre 1986 ständig zunimmt. Für jedes dieser Kinder ist Walentina wie eine zweite Mutter geworden. Sie selbst hat gesundheitliche Probleme, ist Mutter und Großmutter. Dennoch ist jedes Kind etwas besonderes für sie. Das Schicksal jeder betroffenen Familie wird von ihr mit großer Anteilnahme verfolgt. Sie befasst sich mit der Suche nach Patenfamilien in Deutschland und bringt ihre Anteilnahme am Leben eines erkrankten Kindes ein. Seitdem sie in Deutschland lebt, sucht sie nicht nach einem eigenen ruhigen Leben. Ihre Heimat ist Stawropol, sehr weit entfernt, aber seit der Katastrophe in Tschernobyl wurde Brest und Umgebung ein Anziehungspunkt für sie. Walentina besitzt sehr gute organisatorische Fähigkeiten und setzt diese auch gut ein. Von ihren Studenten bis hin zum Bürgermeister nutzt sie jede Gelegenheit um sich an die Öffentlichkeit zu wenden, damit der Unfall von Tschernobyl nicht gleichgültig wird und nicht in Vergessenheit gerät. Schulen, Kindergärten, Behindertenverbände, Frauenorganisationen, Sportvereine, Firmen, Parteien, Rentner und Geschäftsleute lassen diese Russin nicht im Stich. Alle versuchen mitzuhelfen

Es kristallisierte sich eine Mannschaft heraus, die genauso wie sie gütig ist. Zum Beispiel der 47jährige Helmut Steudel. Er ist schon zum 2. Mal mitgekommen, obwohl in seiner Firma Containerdienst Hochsaison ist. „Das erste Mal kam ich aus Neugier, um zu erfahren, wie solche Transporte ablaufen, aber jetzt fahre ich aus Überzeugung mit.“ „Ich wurde von diesen Kindern und Eltern ‚gekauft’ “.Nikolai Schick ist ein Umsiedler aus Kasachstan. Schon seit 5 Jahren wird er durch die Stadtverwaltung als Fahrer und Begleiter eingesetzt. Christiane Gräßer kommt zum 2. Mal mit. Sie gehört der katholischen Gemeinde der Stadt Greiz an und ist seit 5 Jahren eine treue Helferin. Ulrich Jetschke und Karola Schönemann sind schon als alte Freunde bekannt, seit 10 Jahren fahren sie Transporte, helfen bei den Vorbereitungen. Einige Deutsche und deren Familien sind dabei, z. B. Familie Lothar Dittrich. Gudrun und Lothar sind Rentner, sie haben genug zu tun mit ihren eigenen gesundheitlichen Problemen, aber seit Jahren helfen sie bei jedem Transport, Kinder und Enkelkinder helfen mit. Lothar war zweimal selbst dort und sein Sohn Mario ist der Liebling der Kinder aus Berjosa geworden. Er zauberte thüringische Roster mit eigener Kohle, Grill und Ketchup und ließ die Kinder kosten. Alle Kinder und Eltern warten, dass der lustige und gutmütige Mario wiederkommt. Thomas Günther, 34 Jahre, laß in der Zeitung über den Transport und meldete sich als LKW-Fahrer, obwohl er gerade eine neue Arbeitsstelle bekam. Marion Hahn ist auch nicht zum ersten Mal bei uns. Sie ist die Nachbarin von Gudrun und Lothar. Ihr Mann, ihr Sohn, alle packen Pakete und sammeln Spenden, sogar Kollegen der Techniker Krankenkasse machen seit Jahren mit. Das sind nur einige Deutsche, welche zu uns kommen, es gibt noch mehrere. Warum machen die das? Zuerst, sagte Walentina, sind das Menschen mit einem guten Herzen, welche helfen wollen. Zweitens, diese Menschen wollen, dass in Russland ein anderes Bild der Deutschen entsteht. Das heutige Deutschland hat nichts mit dem alten Deutschland von 1940 zu tun.

Die Reise nach Brest ist lang und schwierig. Transportfahrzeuge, Fahrer, Geld u. v. m. müssen bereitgestellt und gesammelt werden. Die Spenden müssen verpackt und verladen werden, ganz zu schweigen von dem Papierkram. Die Stadt Greiz hilft: Stadtverwaltung und Bürgermeister stellen Räume zur Verfügung. 3 Frauen werden jeweils 1 Jahr als Helfer angestellt, die Räume des Behindertenverbandes, des Wahlkreisbüros der CDU, der Stadtverwaltung wurden zur Annahmestelle für Spenden. Oft gibt es an den Grenzen unerwartete Probleme, Wartezeiten zwischen 7 und 17 Stunden, Strafen wegen Übergewicht wie dieses Mal oder wegen ein paar Litern Diesel über der Norm (150 l), im Winter vereiste Straßen. Natürlich ärgern sich alle über die unerwarteten und sinnlosen Strafen. Viel lieber würden sie für dieses Geld Früchte und Obst kaufen oder Medizin. Walentina versucht mit ihrem Team viele Familien zu besuchen, auch in den entfernten Dörfern: Chabinka, Jarzewitschi, Malorita, Kobrin. Einige Jahre war Familie Dudjuk in einem kleinen Ort das Ziel, jetzt ist es Familie Stoljartschuk mit 5 Kindern in Ugljany. Sie sind Treffpunkt für die Kinder aus Berjosa geworden. Vor einem Jahr hatten die Deutschen ein Puppentheater mitgebracht. Familie Stoljartschuk hat keinen Fernseher und so haben sich die Kinder entschlossen, ihre eigene Vorstellung zu geben. So wurden Olga, Sascha, Aljona, Anja „Schauspieler“. Eine Mutti schrieb ein Stück mit dem Titel „Freundschaft kennt keine Grenzen“. In der Hauptsache geht es natürlich um Walentina und ihre deutschen Freunde, gespielt von Olga, Sascha, Aljona und Anja Stoljartschuk, auch die Eltern spielen mit. Die Leiterin des Dorfkulturhauses half mit. Alle lachten über die Geschichte und allen gefiel es sehr gut. Letztes Mal haben die deutschen Freunde in Hof und Garten Schokolade, Spielsachen und Ostereier versteckt. Augen und Freude der Kinder hätte man miterleben müssen!

Durch ihre unermüdliche Energie und seltene Herzlichkeit ist Walentina für uns Eltern ein gutes Beispiel. Keiner der Betroffenen traut sich bei einer Begegnung zu weinen und seine Hilflosigkeit zu zeigen. Handeln, tapfer sein, keine Schwäche vor den Kindern zeigen – das haben wir von dieser Frau gelernt! In jeder Familie versuchen die Eltern etwas zu tun, ob im eigenen Haushalt oder in den Wald gehen und Pilze, Beeren sammeln und verkaufen. Einige haben genäht mit den Stoffen aus Greiz und verkauften dies und vieles andere. Aber keiner steht mit „ausgestreckter Hand vor der Kirche“ dank dieser Frau, Walentina. Alle wissen, dass sie mit den deutschen Freunden kommt und mit Wort und Tat zu ihnen steht.

Auch ein Dorfkrankenhaus lebt dank dem Kommen der Greizer. Ein Oberarzt sammelt im Winter kranke Rentner im Krankenhaus und versorgt sie mit Medikamenten und mit vielem anderen mehr.

Korrespondentin Rosalia Karpesch aus Berjosa